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Wenn die Seele Wollsocken anzieht. Herbstmüdigkeit begegnen – mit Yoga, Licht und kleinen Wohlfühlritualen

12. Okt.
5 Min. Lesezeit

Der Wecker klingelt. Draußen ist es dunkel. Die Bettdecke hat plötzlich eine überzeugendere Persönlichkeit als sämtliche Pläne für den Tag. Und obwohl wir geschlafen haben, fühlt sich der Kopf an, als hätte jemand über Nacht Watte hineingepackt.

Willkommen im Herbst.

Zwischen goldenen Blättern und grauen Nachmittagen kommt manchmal diese eigentümliche Müdigkeit vorbei: Wir sind langsamer, weniger schwungvoll und würden am liebsten gemeinsam mit dem Igel im Garten den Rückzug antreten.

Als Yogalehrer möchten wir dich einladen, dieser Jahreszeit mit Neugier zu begegnen. Was brauchst du gerade: Bewegung, Licht, Gesellschaft – oder eine Pause, die diesen Namen wirklich verdient?


Warum kürzere Tage uns müde machen können

Licht hilft unserem Körper, seinen Schlaf-Wach-Rhythmus zu steuern. Wenn die Tage kürzer werden, verändern sich diese Lichtsignale. Bei manchen Menschen beeinflusst das Schlaf, Energie und Stimmung. Bei einer saisonalen Depression wird ein Zusammenhang mit weniger Tageslicht und Veränderungen unter anderem bei Melatonin und Serotonin vermutet; die Ursachen sind jedoch nicht vollständig geklärt.

Nicht jede herbstliche Müdigkeit ist eine Winterdepression. Auch zu wenig Schlaf, Stress oder andere körperliche Ursachen können dahinterstecken. Die Jahreszeit ist ein möglicher Mitspieler, aber sie erklärt nicht automatisch alles.

Und dann ist da unser Alltag: Die Natur fährt ihr Tempo herunter, während unser Kalender munter weitermacht. Der Baum verliert seine Blätter. Wir übernehmen noch schnell drei zusätzliche Aufgaben.

Vielleicht dürfen wir uns von ihm etwas abschauen: Loslassen kann eine Form von Fürsorge sein.


Erst Licht tanken, dann die Kuscheldecke

So verlockend das Sofa ist: Plane jeden Tag eine kleine Verabredung mit dem Tageslicht ein. Vielleicht gehst du morgens eine Runde um den Block oder nutzt die Mittagspause für einen Spaziergang.

Zehn bis zwanzig Minuten sind ein alltagstauglicher Anfang, keine medizinische Zauberformel. Regelmäßiges Draußensein, Bewegung, soziale Kontakte und möglichst gleichmäßige Schlafzeiten gehören zu den empfohlenen Selbstfürsorgemaßnahmen bei saisonalen Stimmungstiefs.

Mein Vorschlag: Mach daraus einen Herbst-Lichtspaziergang. Lass das Handy in der Tasche und suche unterwegs drei Dinge, die du schön findest: ein rostfarbenes Blatt, eine spiegelnde Pfütze, einen Baum im Nebel.

Du musst dich dabei nicht sofort glücklicher fühlen. Manchmal reicht es, für einen Moment wieder anwesend zu sein.


Yoga: ein freundlicher Weckruf für den Körper

An müden Tagen klingt „Du solltest dich bewegen“ ungefähr so attraktiv wie „Du solltest deine Steuerunterlagen sortieren“.

Deshalb darf der Einstieg winzig sein: Matte ausrollen. Füße spüren. Schultern bewegen. Einmal strecken.

Yoga kann den Umgang mit Stress unterstützen und die Schlafqualität verbessern. Das zeigen Studien in verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass eine bestimmte Haltung Herbstmüdigkeit zuverlässig vertreibt.

Für mich liegt der Wert der Praxis auch darin, genauer hinzuhören. Fühle ich mich schläfrig und brauche sanfte Aktivierung? Oder bin ich erschöpft und brauche Entlastung?

Morgens passen fließende Bewegungen. Abends können ein ruhigeres Tempo, eine unterstützte Haltung oder eine kurze Meditation wohltuend sein. Die Praxis darf zu deiner Tagesform passen.


Dein kleiner Herbstflow: sieben Minuten zum Ankommen

Übe in einem angenehmen Bewegungsbereich, ohne Schmerzen und mit frei fließendem Atem. Du kannst alle Schritte im Sitzen auf einem stabilen Stuhl ausführen.

1. Wurzeln spüren – eine MinuteStehe hüftbreit oder sitze mit beiden Füßen auf dem Boden. Spüre Fersen und Fußballen. Lass die Schultern sinken. Stell dir vor, deine Füße wären Wurzeln, die dich tragen.

2. Dem Himmel entgegenwachsen – zwei MinutenHebe beim Einatmen die Arme seitlich so weit, wie es angenehm ist. Senke sie beim Ausatmen. Wiederhole langsam. Danach strecke abwechselnd einen Arm nach oben und neige dich sanft zur anderen Seite, ohne dich hineinzudrücken.

3. Die Wirbelsäule wecken – zwei MinutenLege im Sitzen die Hände auf die Oberschenkel. Beim Einatmen richte das Brustbein etwas auf. Beim Ausatmen runde den Rücken behutsam und lass den Blick sinken. Der Kopf folgt der Bewegung, ohne weit in den Nacken zu kippen.

4. Blätter abschütteln – eine MinuteKreise die Schultern, lockere die Hände und bewege die Füße. Im Stand kannst du sanft auf der Stelle gehen. Stell dir vor, du schüttelst ein wenig von dem ab, was heute nicht mitkommen muss.

5. Eine Absicht wählen – eine MinuteKehre in einen bequemen Stand oder Sitz zurück. Lass den Atem natürlich fließen und frage dich: „Was würde mir heute guttun?“ Vielleicht lautet die Antwort: frische Luft. Ein Mittagessen in Ruhe. Ein freundliches Nein.

Auch das ist eine Yogapraxis: wahrnehmen und eine kleine passende Entscheidung treffen.


Eine Tasse Herbst, bitte

Ein Ritual braucht weder Räucherschale noch eine freie Stunde. Manchmal genügt eine warme Tasse, die wir tatsächlich wahrnehmen.

Gib ein paar dünne Apfelscheiben und ein kleines Stück Zimtstange in eine Tasse, übergieße sie mit heißem Wasser und lass alles einige Minuten ziehen. Oder wähle einfach deinen Lieblingstee.

Umschließe die Tasse mit beiden Händen. Rieche den Duft. Nimm den ersten Schluck ohne nebenbei Nachrichten zu lesen.

Dieses Getränk ist für mich kein Mittel gegen Erschöpfung. Es ist eine kleine Einladung: Ich bin hier. Dieser Moment gehört mir.

Auch regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten und genügend Flüssigkeit verdienen im Herbst Aufmerksamkeit. Eine Kürbis-Linsen-Suppe oder ein warmes Frühstück können dabei ebenso praktisch wie gemütlich sein. Dein Körper braucht Versorgung, auch wenn der Tag nach „nur noch schnell“ klingt.


Loslassen lernen – ohne gleich das ganze Leben umzubauen

Der Herbst ist für mich ein Bild für Veränderung. Die Blätter fallen, und trotzdem bleibt der Baum verwurzelt.

Daraus lässt sich ein kleines Abendritual machen. Schreib zwei Sätze auf:

„Heute darf ich loslassen …“„Heute möchte ich bewahren …“

Vielleicht lässt du den Anspruch los, immer gut gelaunt sein zu müssen. Vielleicht bewahrst du das Lachen beim Mittagessen oder den Moment, in dem du dir eine Pause erlaubt hast.

Wenn du magst, nimm dabei ein Herbstblatt in die Hand. Seine Schönheit liegt auch darin, dass es sich verändert hat.

Das ist die spirituelle Seite des Herbstes, die uns berührt: Wir dürfen uns wandeln und bleiben dennoch mit uns verbunden.


Gib auch deinem Abend eine Dämmerung

Unser Körper erlebt draußen den Sonnenuntergang. Unser Handy kennt dagegen selten Feierabend.

Versuche, abends zu einer ähnlichen Zeit ruhiger zu werden. Lege das Telefon etwas früher beiseite und schaffe einen Übergang zwischen Tun und Schlafen.

Für eine kleine Ruhepause kannst du dich auf den Rücken legen, die Unterschenkel auf einem Stuhl ablegen und den Kopf bei Bedarf flach unterstützen. Alternativ liegst du bequem auf der Seite mit einem Kissen zwischen den Knien. Bleib zwei bis fünf Minuten, wenn es angenehm ist.

Spüre die Unterlage und lass den Atem kommen und gehen. Stell dir vor, mit jeder Ausatmung sinkt ein Blatt langsam zu Boden.

Du musst dabei keine Gedanken loswerden. Auch ein herbstlicher Wald raschelt.


Wärme entsteht auch zwischen Menschen

Rückzug kann guttun. Wenn er unbemerkt zur Dauerlösung wird, fehlt manchmal die Verbindung.

Verabrede dich zum Spaziergang, koche mit jemandem oder besuche eine Yogastunde. Du musst dafür nicht erst voller Energie sein. Manchmal entsteht die Lust auf Begegnung erst, wenn wir angekommen sind.

Bei Luneya Yoga möchten wir Raum dafür schaffen: für Bewegung, Ruhe und das Gefühl, mit deiner Tagesform willkommen zu sein.


Wenn die Müdigkeit mehr ist als ein Herbstgefühl

Wenn du über mehrere Wochen ungewöhnlich müde bist, dein Alltag darunter leidet oder weitere Beschwerden dazukommen, lass die Ursache ärztlich abklären. Auch anhaltende Niedergeschlagenheit und der Verlust von Freude verdienen Unterstützung. Müdigkeit kann beispielsweise mit Schlafproblemen, Eisenmangel oder Schilddrüsenerkrankungen zusammenhängen. Yoga und Rituale können begleiten; eine notwendige Untersuchung oder Behandlung ersetzen sie nicht.


Du darfst im eigenen Rhythmus durch den Herbst gehen

Vielleicht wird dieser Herbst kein Feuerwerk aus Energie. Vielleicht wird er leiser: mit Spaziergängen unter goldenen Bäumen, einer warmen Tasse und sieben Minuten auf der Matte.

Für uns bedeutet Yoga auch, die eigene Lebendigkeit in solchen stillen Momenten zu entdecken.

Die Natur verlangt nicht von jedem Tag Hochsommer. Vielleicht dürfen wir aufhören, das von uns zu erwarten.

Lass deine Wurzeln wachsen. Suche das Licht. Und gönne deiner Seele ab und zu Wollsocken.

Von Herzen

Carmen & Ulf

 
 
 

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