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Warum tönen wir eigentlich im Yoga – und was bedeutet das Om?

18. Okt.
5 Min. Lesezeit

Über einen kleinen Klang, große Fragen und die Erlaubnis, die eigene Stimme zu entdecken.


„Carmen, warum machen wir das eigentlich?“ Diese Frage begegnet mir im Yoga immer wieder, wenn es ums Tönen geht. Und ich finde sie wunderbar. Denn nur weil etwas zur Yogastunde gehört, muss seine Bedeutung noch lange nicht selbsterklärend sein.

Da sitzen wir also auf unserer Matte, haben vielleicht gerade noch über den Einkauf nachgedacht – und sollen plötzlich gemeinsam „Om“ tönen. Was hat das mit Yoga zu tun? Muss ich dafür singen können? Und ist das eigentlich religiös?

Zeit, diesem kleinen Klang etwas mehr Raum zu geben.


Deine Stimme darf mit auf die Matte

Beim Tönen lassen wir auf der Ausatmung einen Klang entstehen: zum Beispiel ein langes „Ah“, „Oh“ oder ein sanftes „Mmm“. Anders als bei einem Lied brauchen wir dafür weder eine Melodie noch einen Text.

Für mich liegt darin bereits etwas sehr Yogisches: Wir dürfen etwas tun, ohne es sofort nach schön, richtig oder beeindruckend zu bewerten. Deine Stimme muss niemandem gefallen. Sie darf erst einmal einfach da sein.

Dabei wird der Atem hörbar. Du kannst ihm zuhören, seinen Verlauf wahrnehmen und spüren, wo sich eine Vibration bemerkbar macht – vielleicht an den Lippen, im Gesicht oder im Brustbereich. Das ist individuell und kein Test dafür, ob du „richtig“ übst.

Während der Kopf noch seine zwölf offenen Tabs sortieren möchte, bekommt die Aufmerksamkeit eine konkrete Aufgabe: diesen einen Klang begleiten.


Warum uns Tönen beim Ankommen helfen kann

Beim sanften Tönen geben wir die Luft über einen anhaltenden Laut ab. Dadurch kann die Ausatmung gleichmäßiger und länger werden, ohne dass wir ständig Sekunden zählen müssen. Voraussetzung ist, dass wir den Ton nicht herauspressen und die Luft nicht bis zum letzten Rest aufbrauchen.

Dass bewusst gestaltete Atmung unser Befinden beeinflussen kann, wird wissenschaftlich untersucht. In einer randomisierten Studie von 2023 verbesserten tägliche kurze Atemübungen die Stimmung; besonders günstig schnitt eine Technik mit Betonung der Ausatmung ab. Untersucht wurde allerdings kein Om-Tönen. Die Studie liefert deshalb einen Hinweis auf die mögliche Rolle der Atmung, keinen direkten Wirksamkeitsbeleg für Om.

Meine Einladung für die Praxis lautet deshalb: Beobachte, was bei dir passiert. Wird die Atmung ruhiger? Spürst du deinen Körper deutlicher? Oder fühlt sich das Tönen heute ungewohnt an? All das darf sein.


Und was ist mit dem Vagusnerv?

Vielleicht hast du schon gehört: „Summen aktiviert den Vagusnerv.“ Das klingt nach einem praktischen Entspannungsknopf. Unser Nervensystem ist allerdings etwas vielschichtiger.

Eine kleine Pilotstudie mit zwölf gesunden Erwachsenen fand beim Om-Tönen im MRT eine verminderte Aktivität in bestimmten Hirnregionen, darunter Bereiche, die an emotionaler Verarbeitung beteiligt sind. Die Forschenden diskutierten eine mögliche Beteiligung des Vagusnervs. Eine direkte Stimulation dieses Nervs wurde damit aber nicht nachgewiesen. Auch lässt sich aus dieser Untersuchung keine Behandlungsempfehlung für psychische Erkrankungen ableiten.

Für mich macht diese Unterscheidung die Übung nicht weniger interessant. Wir können einen Klang als wohltuend erleben und zugleich offenlassen, welche Mechanismen daran genau beteiligt sind.


Eine überraschende Entdeckung beim Summen

Beim Summen passiert außerdem etwas Messbares im Nasenraum. Forschende des Karolinska-Instituts untersuchten zehn gesunde Menschen und fanden während des Summens deutlich höhere Stickstoffmonoxid-Werte in der ausgeatmeten Nasenluft als beim stillen Ausatmen. Unter den Versuchsbedingungen stiegen sie auf das Fünfzehnfache. Als Erklärung beschrieben sie einen verstärkten Gasaustausch zwischen Nase und Nasennebenhöhlen.

Das bedeutet nicht, dass Summen fünfzehnmal gesünder ist oder Erkrankungen heilt. Es zeigt aber, wie eng Stimme und Atmung zusammenwirken. Ein unscheinbares „Mmm“ ist körperlich durchaus ein kleines Ereignis.


Om: eine Silbe mit einer langen Geschichte

Om, auch Aum geschrieben, ist eine heilige Silbe aus indischen religiösen und philosophischen Traditionen, insbesondere dem Hinduismus. Wer es im Yoga verwendet, begegnet also einem Klang mit kultureller und spiritueller Bedeutung.

Om lässt sich nicht wie ein gewöhnliches Wort mit einem einzigen deutschen Begriff übersetzen. In der Mandukya-Upanishad, einem klassischen indischen Quellentext, steht es in Verbindung mit der gesamten Wirklichkeit sowie mit Atman, dem Selbst, und Brahman, der letztgültigen Wirklichkeit.

Oft hört man die poetische Beschreibung vom „Urklang des Universums“. Als spirituelles Bild kann das berühren. Gemeint ist damit aber keine naturwissenschaftlich nachgewiesene Tonfrequenz des Weltalls.

Mich spricht daran der Gedanke an, dass unser Leben größer ist als der nächste Termin und die nächste Aufgabe. Beim Om darf für einen Moment auch das Raum bekommen, was wir nicht organisieren oder in Worte fassen können.


Warum manchmal von A–U–M gesprochen wird

Die Mandukya-Upanishad betrachtet Om in drei Lautbestandteilen und verbindet sie mit drei Erfahrungsweisen:

  • A steht für das Wachen: unsere Wahrnehmung der äußeren Welt.

  • U steht für das Träumen: die Welt innerer Bilder.

  • M steht für den Tiefschlaf: einen Zustand ohne die gewöhnlichen Wach- und Trauminhalte.

Darüber hinaus beschreibt der Text einen „vierten“, nichtdualen Bewusstseinsgrund, oft Turiya genannt. Er lässt sich nach dieser Lehre nicht einfach mit den drei anderen Zuständen gleichsetzen. Die Stille nach dem Om wird in der meditativen Auslegung gern als Hinweis darauf verstanden. Das ist eine philosophische Deutung, keine Einteilung aus der modernen Schlafforschung.

Für unsere Praxis finde ich daran besonders schön: Auch wenn der hörbare Ton endet, müssen wir nicht sofort weitermachen.

Wir dürfen nachlauschen.


Wie klingt Om denn nun richtig?

Du hörst häufig ein langes „O“, das in ein summendes „M“ übergeht. In manchen Anleitungen werden A und U deutlicher entfaltet und gehen ineinander über. Aussprache und Gestaltung unterscheiden sich je nach Tradition.

Für einen ersten behutsamen Versuch ist entscheidend: Wähle eine bequeme Tonhöhe und eine angenehme Lautstärke. Lass den Klang weich auslaufen. Du musst weder besonders tief tönen noch länger durchhalten als die Person neben dir.

Ein Om ist kein Wettbewerb mit der Lungenkapazität der Nachbarmatte.


Muss ich mitmachen – oder an etwas glauben?

Du musst in meiner Yogastunde weder tönen noch eine bestimmte Weltanschauung übernehmen. Gleichzeitig möchte ich die religiösen Wurzeln des Om nicht unsichtbar machen. Es darf eine bewusste Entscheidung sein, ob du diesen Klang mitsprechen möchtest.

Du kannst zuhören, still atmen oder stattdessen leise summen. Gerade wenn die eigene Stimme in einer Gruppe ungewohnt ist, braucht es manchmal Zeit. Auch innere Aufmerksamkeit und Vibrationen fühlen sich nicht für jeden Menschen automatisch angenehm an.

Für mich gehört zur Yogapraxis, dass du diese Grenzen wahrnehmen und respektieren darfst.


Eine kleine Klangpause für deinen Alltag

Wenn du neugierig bist, probiere zunächst ein einfaches Summen:

  1. Setz dich bequem hin, auf einen Stuhl oder auf deine Matte. Lass die Augen offen oder schließe sie – so, wie es angenehm ist.

  2. Atme ein paar Atemzüge ganz natürlich. Du brauchst keine besonders tiefe Einatmung.

  3. Schließe die Lippen locker und summe beim nächsten Ausatmen ein sanftes „Mmm“ in deiner Wohlfühltonlage.

  4. Beende den Klang, bevor die Luft knapp wird. Atme anschließend wieder frei.

  5. Wiederhole das zwei- bis dreimal, wenn es dir guttut. Lausche danach einen Moment nach.

Wenn du möchtest, kannst du anstelle des Summens ein weiches „Ommm“ ausprobieren. Bei Schwindel, Luftnot, Druckgefühl oder Unbehagen hörst du auf und atmest normal weiter.

Frag dich anschließend nicht nur: „Bin ich jetzt entspannt?“ Vielleicht ist die interessantere Frage: „Was nehme ich gerade wahr?“

Du musst kein besonderes Erlebnis herstellen.


Vielleicht beginnt es mit einem kleinen Mmm

Für mich lädt uns das Tönen dazu ein, Yoga auch über die eigene Stimme zu erfahren. Wir hören unseren Atem, spüren einen Klang und schenken dem Moment Aufmerksamkeit.

Die traditionelle Bedeutung des Om kann diese Erfahrung vertiefen. Die Wissenschaft kann einzelne Vorgänge untersuchen. Und du darfst herausfinden, welchen Zugang du selbst dazu hast.

Vielleicht ist es heute ein voller Klang. Vielleicht ein vorsichtiges Summen. Vielleicht hörst du einfach nur zu.

Auch dafür ist Platz auf deiner Matte.


Von Herzen

Carmen

 
 
 

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