Mache ich das überhaupt richtig?Warum dein Yoga nicht aussehen muss wie auf Instagram

Die Frau auf dem Bildschirm steht auf einem Bein. Das andere scheint sich irgendwo hinter ihrem Kopf eingerichtet zu haben. Ihr Gesichtsausdruck: friedlich. Deine Gedanken beim Zuschauen: Wie kommt sie da hinein? Wie kommt sie wieder heraus? Und müsste ich vor meiner nächsten Yogastunde vielleicht erst einmal beweglicher werden?
Dann rollst du deine Matte aus, beugst dich nach vorn und stellst fest: Der Boden ist heute erstaunlich weit weg.
Willkommen bei einer Frage, über die ich als Yogalehrerin gern mit dir sprechen möchte:
Woran erkennen wir eigentlich, ob wir Yoga „richtig“ machen?
An den geraden Beinen? An den Händen auf dem Boden? Daran, dass unsere Haltung genauso aussieht wie die der Person neben uns?
Ich möchte dich auf einen kleinen Perspektivwechsel mitnehmen. Denn zwischen einer fotogenen Yogapose und einer für dich passenden Yogapraxis liegt manchmal ein ziemlich großer Unterschied.
Ein Foto kann vieles zeigen. Dein Erleben gehört nicht dazu.
Ich mag schöne Yogabilder. Sie können inspirieren, neugierig machen und die Freude an Bewegung zeigen. Aber ein Foto verrät dir erstaunlich wenig. Du siehst weder die Vorbereitung noch die Versuche davor. Du weißt nicht, ob die Person die Haltung mühelos hält oder für einen kurzen Moment die Luft anhält. Und du erfährst auch nicht, ob diese Position für deinen Körper gerade sinnvoll wäre. Trotzdem passiert beim Anschauen schnell etwas: Aus „Das sieht schön aus“ wird „So müsste ich auch aussehen“.
Unbemerkt wird das Bild zur Messlatte.
Auf der Matte versuchen wir dann, eine äußere Form herzustellen. Vielleicht ziehen wir kräftiger, drücken die Knie weiter nach unten oder halten länger durch, als es uns eigentlich entspricht.
Dabei verdient eine andere Frage mindestens genauso viel Aufmerksamkeit:
Was geschieht gerade mit mir, während ich diese Haltung einnehme?
Dein Körper bringt seine eigene Bauanleitung mit
Menschen unterscheiden sich. Das klingt selbstverständlich – bis wir erwarten, dass dieselbe Yogahaltung bei allen gleich aussieht.
Schon unterschiedliche Arm-, Bein- und Rumpfproportionen verändern die äußere Form einer Position. Auch Beweglichkeit, Kraft, Erfahrung und individuelle Voraussetzungen spielen mit hinein.
Wenn jemand im Sitzen mühelos die Füße erreicht, kannst du daraus deshalb wenig über deine eigene Praxis ableiten.
Und wenn du im Schneidersitz auf einem Kissen sitzt, während neben dir jemand direkt auf der Matte Platz nimmt, habt ihr zunächst einmal unterschiedliche Sitzpositionen gewählt.
Der Abstand deiner Knie zum Boden ist keine Bewertung deiner Yogafähigkeiten.
Mir ist wichtig, dass du diese Unterschiede verstehen darfst. Sonst wird aus jeder Haltung eine Prüfung, bei der dein Körper scheinbar ständig die falsche Antwort gibt.
Drei typische Momente auf der Matte
Schauen wir uns das einmal ganz praktisch an.
Die Vorbeuge: „Ich komme gar nicht weit genug.“
Du sitzt mit ausgestreckten Beinen da und möchtest nach vorn sinken. Deine Hände erreichen die Füße nicht. Sofort entsteht der Impuls, stärker zu ziehen.
Hier lohnt es sich, gemeinsam zu prüfen: Was verändert sich, wenn du die Knie etwas beugst? Wenn du höher sitzt? Wenn die Hände dort bleiben dürfen, wo sie ohne Zerren ankommen?
Die passende Variante hängt davon ab, was wir üben möchten und was dein Körper mitbringt. Die Zehen zu erreichen ist für sich genommen noch kein Qualitätsmerkmal.
Der herabschauende Hund: „Meine Fersen müssen doch auf den Boden.“
Die Fersen bekommen in dieser Haltung manchmal mehr Aufmerksamkeit als alles andere.
Dabei lohnt sich der Blick auf das gesamte Zusammenspiel: Wie tragen Hände und Füße dein Gewicht? Wie geht es deinen Schultern? Was verändert sich mit gebeugten Knien?
Vielleicht bleiben deine Fersen dabei angehoben. Das ist ein guter Anlass, die Haltung individuell anzuschauen – kein Grund, sie mit aller Kraft nach unten zu drücken.
Der Baum: „Jetzt bin ich schon wieder herausgefallen.“
Du stehst, wackelst, setzt den Fuß ab und beginnst erneut.
Das kann sich wie ein misslungener Versuch anfühlen. Dabei gehört das Ausgleichen zur Balanceübung dazu. Eine Wand oder ein niedriger angesetzter Fuß können dir helfen, die Aufgabe anders zu dosieren.
Und übrigens: Niemand bekommt am Ende der Stunde einen Pokal für den regungslosesten Baum.
Wenn Varianten möglich sind: Ist dann alles richtig?
Diese Frage finde ich wichtig.
Natürlich haben Ausrichtung, Technik und eine verständliche Anleitung ihren Platz. Eine Haltung soll zur jeweiligen Person, zur Übungsabsicht und zur Belastbarkeit passen.
„Hör auf deinen Körper“ ist deshalb manchmal zu wenig.
Gerade am Anfang ist es gar nicht so einfach, die eigenen Empfindungen einzuordnen. Was ist ungewohnt? Was ist anstrengend? Wo ziehe ich mich vielleicht aus Unsicherheit zusammen?
Das darfst du lernen. Dafür kannst du nachfragen, etwas verändern und Rückmeldung bekommen.
Schmerz, Taubheit oder Kribbeln sind jedenfalls keine Aufforderung, tapfer weiterzumachen. Verlasse die Haltung und sprich die Beschwerden an. Bei bestehenden Verletzungen oder Erkrankungen können gezielte Anpassungen und eine medizinische Abklärung sinnvoll sein.
Du musst dich mit solchen Fragen auf deiner Matte nicht allein zurechtfinden.
Der Klotz und sein völlig unverdientes Imageproblem
Manchmal wirkt es, als hätte ein Yogaklotz einen kleinen Zettel umhängen: „Nur nehmen, wenn du es sonst nicht kannst.“
Dabei ist er ein ziemlich vielseitiges Werkzeug.
Er kann den Boden näherbringen, eine Position unterstützen oder eine Bewegung genauer erfahrbar machen. Dasselbe gilt für Gurte, Decken, Bolster, Stühle und Wände.
Auch erfahrene Yogis nutzen Hilfsmittel. Weil sich damit etwas erkunden lässt. Weil eine Variante dadurch zugänglicher wird. Oder weil sie heute einfach besser passt.
Vielleicht verändert sich deine nächste Stunde schon durch diesen kleinen Gedanken:
Ich darf meine Umgebung so einrichten, dass ich sinnvoll üben kann.
Fortschritt hat manchmal eine unscheinbare Form
Natürlich darfst du dich freuen, wenn du kräftiger wirst, eine Bewegung leichter gelingt oder du eine neue Haltung lernst. Neugier und Herausforderung haben ihren Platz im Yoga.
Manche Fortschritte lassen sich allerdings kaum fotografieren.
Du bemerkst früher, dass du die Luft anhältst.
Du traust dich, eine Frage zu stellen.
Du nimmst eine Pause, bevor du völlig erschöpft bist.
Du kannst eine Anleitung annehmen und gleichzeitig sagen: „So fühlt es sich für mich noch nicht passend an.“
Für mich sind das wertvolle Fähigkeiten. Sie zeigen, dass du deine Praxis zunehmend mitgestaltest.
Ein kleines Experiment für deine nächste Yogastunde
Nimm dir eine vertraute Haltung vor und werde für einen Moment zur Forscherin oder zum Forscher.
Frage dich:
Was übe ich hier gerade? Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewicht oder vielleicht das ruhige Verweilen?
Wo spüre ich die Belastung? Kann ich sie beschreiben, ohne sie sofort zu bewerten?
Was verändert eine kleine Anpassung? Ein anderer Abstand, etwas Unterstützung oder weniger Bewegungstiefe?
Verändere möglichst nur eine Sache auf einmal. So kannst du Unterschiede leichter wahrnehmen. Und wenn du unsicher bist: Frag mich gern.
Vielleicht findest du dabei eine Variante, die weniger spektakulär aussieht und dir die Übung viel klarer erschließt.
Was ich mir für dich auf der Matte wünsche
Bei Luneya Yoga möchte ich dir Raum geben, deinen Körper kennenzulernen: mit seiner Kraft, seinen Möglichkeiten und seinen Grenzen.
Du darfst ehrgeizig sein und trotzdem aufmerksam bleiben. Du darfst Neues ausprobieren und eine Variante wieder verwerfen. Und du darfst heute etwas anders machen als letzte Woche.
Wenn du mich fragst: „Carmen, mache ich das richtig?“, schauen wir deshalb gern gemeinsam hin.
Wie stehst oder sitzt du? Was möchtest du üben? Was spürst du? Was lässt sich verändern?
Dafür ist im Unterricht Platz.
Und wenn dein Blick dann doch einmal zur Nachbarmatte wandert, darfst du ruhig schmunzeln. Wir sind schließlich Menschen.
Danach kannst du zu deiner eigenen Erfahrung zurückkehren. Dort gibt es meistens genug zu entdecken.
Ich freue mich auf dich und deine ganz eigene Yogapraxis.
Von Herzen
Carmen





Kommentare