top of page
Suche

Wurzeln statt Rüstung: Wie Yoga deine Resilienz stärken kann

vor 6 Tagen
5 Min. Lesezeit

Über innere Beweglichkeit, hilfreiche Kurswechsel und die überraschende Stärke, sich anlehnen zu dürfen.


Du hattest einen Plan. Einen ziemlich guten sogar. Dann kommt ein Anruf, ein Termin platzt, jemand braucht dringend etwas von dir – und dein sorgfältig sortierter Tag erinnert plötzlich an eine Schublade, die jemand kräftig geschüttelt hat.

Willkommen im Leben. Es hat offenbar unsere Planung gelesen und ein paar Änderungsvorschläge.

In solchen Momenten begegnet uns häufig ein Wort: Resilienz. Klingt ein bisschen nach einer Spezialbeschichtung, an der sämtliche Probleme abperlen.

Doch Menschen haben keine Antihaftoberfläche. Wir sind berührbar. Wir dürfen enttäuscht, erschöpft und zeitweise ratlos sein. Resilienz beschreibt, wie wir unter Belastung psychisch gesund bleiben oder nach schwierigen Phasen wieder zu Stabilität finden.

Und genau hier wird die Verbindung zum Yoga spannend.


Deine innere Beweglichkeit zählt

Lange wurde Resilienz gern wie eine feste Eigenschaft betrachtet: Die einen haben sie, die anderen eben weniger. Heute versteht die Forschung sie wesentlich dynamischer. Wie wir Herausforderungen bewältigen, entsteht im Zusammenspiel unserer Erfahrungen, unserer verfügbaren Möglichkeiten und unserer Lebensbedingungen.

Das erklärt auch, warum du eine schwierige Situation heute gut meistern kannst und eine ähnliche Herausforderung einige Monate später viel schwerer wiegt. Vielleicht fehlt dir gerade Schlaf. Vielleicht trägst du schon drei andere Sorgen mit dir herum. Vielleicht ist der Mensch, der dich sonst auffängt, selbst belastet.

Deine Belastbarkeit hat einen Kontext. Sie ist kein Zeugnis über deinen Charakter.

Für mich ist das ein wohltuender Gedanke. Wir müssen uns nicht auch noch dafür verurteilen, dass uns etwas zu viel wird.

Die hilfreiche Frage lautet deshalb: Welche Möglichkeiten stehen mir jetzt zur Verfügung?


Die Matte als kleines Versuchslabor

Stell dir vor, du übst eine Balancehaltung. Ein Fuß steht auf dem Boden, der andere hebt sich. Für einen Moment fühlst du dich wunderbar gesammelt.

Dann wackelt es.

Du könntest nun den Atem anhalten, die Zehen in die Matte krallen und mit zusammengebissenen Zähnen versuchen, das Gleichgewicht zurückzugewinnen. Manchmal gelingt das sogar. Besonders angenehm ist es selten.

Du könntest aber auch den Fuß kurz absetzen. Den Blick neu ausrichten. Eine Hand an die Wand legen. Und noch einmal beginnen.

An dieser kleinen Situation lässt sich etwas entdecken, das weit über die Haltung hinausgeht: Du kannst deine Strategie verändern.

In der Psychologie spielt diese Flexibilität eine wichtige Rolle für den Umgang mit Belastungen. Was hilft, hängt von der Situation ab. Manchmal braucht es Ausdauer, manchmal eine Pause, manchmal ein klares Gespräch.

Die Yogamatte kann dafür ein überschaubarer Übungsraum sein. Ob sich eine Erfahrung von dort auf den Alltag überträgt, geschieht allerdings nicht automatisch. Dafür lohnt es sich, die Verbindung bewusst herzustellen:

Wo versuche ich gerade mit immer mehr Kraft etwas zu lösen, das vielleicht eine andere Herangehensweise braucht?


Drei Entscheidungen, die du im Yoga üben kannst

1. Bleiben – solange es dir dient

Eine Haltung fordert dich, bleibt aber gut zu bewältigen. Du spürst die arbeitenden Muskeln, kannst frei weiteratmen und entscheidest dich, noch einen Moment zu bleiben.

Darin kann die Erfahrung liegen: Ich kann einer überschaubaren Herausforderung begegnen.

Der wichtige Zusatz lautet: überschaubar. Schmerzen oder deutliche Überforderung sind kein Resilienztraining. Eine Yogastunde braucht keine heimliche Durchhalteprüfung.


2. Verändern – wenn die Bedingungen es verlangen

Vielleicht wählst du einen kleineren Bewegungsumfang, legst ein Kissen unter oder gehst aus der Haltung heraus.

Dahinter steckt eine aktive Entscheidung: Ich bemerke, was geschieht, und passe mein Handeln an.

Im Alltag könnte das bedeuten, eine Aufgabe in kleinere Schritte aufzuteilen oder einen Termin neu zu verhandeln. Das ursprüngliche Ziel bleibt vielleicht bestehen. Der Weg dorthin darf sich ändern.


3. Unterstützung nutzen – bevor alles kippt

Ein Stuhl, eine Wand oder ein Yogablock kann eine Haltung zugänglicher machen. Die Unterstützung erweitert deine Möglichkeiten.

Ich mag diesen Gedanken auch für das Leben außerhalb der Matte: Wen könnte ich um eine konkrete Entlastung bitten? Wer hört mir zu? Wer kennt sich mit meinem Problem besser aus?

Tragfähige Beziehungen gehören zu den wichtigen Ressourcen bei Belastungen. Du musst deine Widerstandskraft also keineswegs im Alleingang entwickeln.

Manchmal beginnt sie mit dem Satz: „Könntest du mich dabei unterstützen?“


Was Yoga beitragen kann – und wo wir ehrlich bleiben sollten

Wissenschaftliche Untersuchungen liefern Hinweise darauf, dass Yoga das subjektive Stresserleben verringern und das psychische Wohlbefinden unterstützen kann. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings je nach Studie, Übungsform und Vergleichsgruppe. Auch die Qualität der Forschung ist unterschiedlich.

Weniger Stress nach einer Yogastunde bedeutet zudem noch nicht automatisch, dass wir langfristig jede Krise besser bewältigen. Die direkte Forschung zu Yoga und Resilienz ist begrenzter.

Für meine Arbeit heißt das: Ich möchte Möglichkeiten eröffnen, die du selbst erproben kannst.

Bewegung, Atemwahrnehmung und bewusste Aufmerksamkeit können Gelegenheiten schaffen, eigene Reaktionen früher zu bemerken. Vielleicht fällt dir auf, dass du bei Anstrengung den Atem festhältst. Vielleicht bemerkst du deinen Impuls, eine Haltung unbedingt „schaffen“ zu wollen.

Aus diesem Bemerken kann eine Entscheidung entstehen. Du probierst etwas anderes aus und schaust, ob es dir hilft.


Eine kleine Übung: Dein nächster sinnvoller Schritt

Wähle dafür eine alltägliche Herausforderung, die gerade gut zu betrachten ist. Die größte Krise deines Lebens darf bei dieser Übung Pause haben.

Setz dich bequem hin oder stell dich mit beiden Füßen auf den Boden. Lass die Augen geöffnet, wenn das angenehmer ist. Nimm für einige Atemzüge wahr, wo dein Körper Kontakt zum Boden oder zum Stuhl hat. Dein Atem darf kommen und gehen, ohne besondere Vorgaben.

Dann stelle dir drei Fragen:

Was ist gerade tatsächlich passiert?Beschreibe die Situation möglichst konkret. „Mein Termin wurde abgesagt“ ist etwas anderes als „Auf niemanden ist Verlass“.

Was kann ich beeinflussen?Vielleicht kannst du nachfragen, umplanen, eine Grenze aussprechen oder Unterstützung organisieren. Vielleicht besteht dein Einfluss heute darin, eine Entscheidung erst morgen zu treffen.

Welcher kleine Schritt ist jetzt sinnvoll?Eine Nachricht schreiben. Eine Aufgabe abgeben. Einen Beratungstermin vereinbaren. Ein klares Nein formulieren.

Du brauchst noch keine Lösung für das ganze Problem. Ein nächster Schritt kann genügen, um wieder etwas Handlungsspielraum zu spüren.


Wenn die klügste Yogahaltung ein klares Nein ist

Bei aller Begeisterung für Yoga ist mir eines wichtig: Dauerhaft zu hohe Anforderungen werden durch eine achtsame Atmung nicht angemessen.

Wer ständig mehr leisten soll, als auf Dauer möglich ist, braucht auch Entlastung. Wer schlecht behandelt wird, braucht Schutz und Grenzen. Und wer psychisch stark oder anhaltend leidet, darf professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen. Yoga kann begleiten; die notwendige Hilfe kann es nicht ersetzen.

Resilienzförderung sollte deshalb immer auch Raum für diese Frage lassen:

Was müsste sich an meiner Situation verändern, damit es mir besser gehen kann?

Die Antwort kann durchaus unbequem sein. Vielleicht braucht es ein Gespräch, das du lange aufgeschoben hast. Vielleicht musst du eine Erwartung enttäuschen. Vielleicht darf ein Plan gehen, damit wieder Platz zum Atmen entsteht.


Du darfst deinen Stand neu finden

Was ich am Yoga besonders mag: Es bietet so viele Gelegenheiten, neu anzusetzen.

Du setzt den Fuß ab. Du richtest dich wieder auf. Du nimmst Unterstützung dazu. Und mit der Zeit lernst du vielleicht genauer einzuschätzen, was dich trägt und wann eine Veränderung sinnvoll ist.

Auch im Leben dürfen wir unseren Stand immer wieder neu finden.

Vielleicht zeigt sich deine Stärke heute darin, etwas zu wagen. Vielleicht darin, jemanden anzurufen. Vielleicht darin, einen Satz auszusprechen, der lange in dir gewartet hat.


Wenn das Leben dich schubst, darfst du einen Schritt machen, um wieder Halt zu finden.


Von Herzen

Carmen

 
 
 

Kommentare


bottom of page