Vom „Wenn erst …“ zum „Wie schön!“: Dankbarkeit, Yoga und das kleine Glück

Kennst du diesen Gedanken? „Wenn erst das Wochenende da ist, dann entspanne ich mich.“ Oder: „Wenn ich beweglicher bin, macht Yoga bestimmt noch mehr Spaß.“ Und natürlich der Klassiker: „Wenn endlich alles erledigt ist, dann …“
Tja. Alles erledigt. Ein Zustand, der ungefähr so häufig vorkommt wie ein Wäschekorb, der dauerhaft leer bleibt.
Während wir auf den perfekten Moment warten, steht das kleine Glück manchmal längst neben uns. Es duftet nach frischem Tee, steckt in einer herzlichen Nachricht oder wärmt als Sonnenstrahl unsere Nase. Nur haben wir gerade keine Zeit hinzuschauen.
Genau hier beginnt für mich Dankbarkeit: kurz stehen bleiben und bemerken, was schon da ist.
Muss ich dafür besonders spirituell sein?
Du brauchst weder Räucherstäbchen noch ein wunderschönes Notizbuch. Und du musst auch nicht morgens mit einem seligen Lächeln aus dem Bett schweben.
Dankbarkeit kann ganz unspektakulär sein: „Wie gut, dass mir jemand zugehört hat.“ Oder: „Diese fünf Minuten Ruhe habe ich gerade wirklich gebraucht.“
Für mich passt diese Haltung wunderbar zum Yoga. Auf der Matte üben wir, wahrzunehmen: unseren Atem, unseren Körper, unsere Grenzen. Dankbarkeit ergänzt eine Frage: Was davon möchte ich heute würdigen?
Vielleicht, dass du dir überhaupt Zeit genommen hast. Vielleicht, dass du eine Pause machst, obwohl dein innerer Antreiber schon wieder „Ein bisschen mehr geht noch!“ ruft.
Santosha: Wenn das Glück nicht erst später anfangen darf
In der Yogaphilosophie gibt es dafür einen schönen Anknüpfungspunkt: Santosha, die innere Zufriedenheit. Sie gehört zu den Niyamas, den Übungsprinzipien für den Umgang mit uns selbst. Patanjali verbindet sie im Yoga-Sutra mit tiefem Glück.
Santosha bedeutet nicht einfach Dankbarkeit. Ich verstehe Dankbarkeit aber als eine kleine Tür dorthin: Ich erkenne an, was mich trägt, auch wenn mein Leben noch offene Baustellen hat.
Stell dir eine Vorbeuge vor. Deine Hände erreichen heute ungefähr die Knie. Neben dir scheint jemand mühelos in der Mitte zusammenzuklappen. Sofort meldet sich der Kopf: „Das müsste bei mir doch auch gehen!“
Du könntest stattdessen spüren: Meine Füße stehen auf dem Boden. Ich kann die Bewegung an meinen Körper anpassen. Ich darf hier bleiben.
Die Matte ist schließlich kein Bewerbungsgespräch für besonders dehnbare Menschen.
Du darfst dich entwickeln und Ziele haben. Und gleichzeitig darf dieser heutige, unperfekte Moment etwas wert sein.
Und was hat das mit Glück zu tun?
Vielleicht suchen wir Glück manchmal in einer ziemlich großen Verpackung: die Reise, der Erfolg, der Tag, an dem endlich alles stimmt.
Dankbarkeit lädt uns ein, auch die kleineren Portionen wahrzunehmen. Ein Gespräch, nach dem wir leichter nach Hause gehen. Das warme Essen nach einem langen Tag. Ein Lachen, das völlig ungeplant kommt.
Auch die psychologische Forschung deutet darauf hin, dass Dankbarkeitsübungen das Wohlbefinden ein wenig verbessern können. Eine Garantie gibt es nicht. Aber einen guten Anlass, es einmal auszuprobieren.
Für mich ist das ein sympathischer Gedanke: Ich muss nicht jeden Tag etwas Außergewöhnliches erleben, um etwas Schönes entdecken zu können.
Bitte kein „Sei doch einfach dankbar!“
Es gibt Tage, an denen selbst der schönste Sonnenstrahl nicht hilft. An denen wir traurig, erschöpft oder wütend sind. Diese Gefühle brauchen ebenfalls Platz.
Dankbarkeit darf daneben sitzen, ohne ihnen den Mund zuzuhalten.
„Heute war wirklich schwer. Wie gut, dass ich damit nicht allein war.“
Beides kann wahr sein. Du musst für schmerzhafte Erfahrungen nicht dankbar sein. Du darfst Grenzen setzen, Unterstützung brauchen und etwas verändern wollen.
Und wenn dir heute gar nichts einfällt? Dann fällt dir heute nichts ein. Auch Dankbarkeit bekommt bei mir keine Anwesenheitsliste.
Sechs Dankbarkeitsrituale, die in einen echten Alltag passen
Such dir eine Idee aus, die dich anspricht. Ein kleines Ritual, das dir Freude macht, reicht für den Anfang völlig aus.
1. Erst ankommen, dann aufs Handy schauen
Bleibe morgens einen Moment sitzen oder liegen. Spüre die Unterlage und lass deinen Atem ruhig und natürlich fließen.
Frage dich: Worüber freue ich mich gerade – auch wenn es nur etwas Kleines ist?
Die warme Decke zählt. Der erste Kaffee auch. Du brauchst keine besonders tiefgründige Antwort, bevor du überhaupt richtig wach bist.
2. Drei kleine Fundstücke am Abend
Notiere abends drei Momente, die dir gutgetan haben. Schreibe möglichst konkret:
„Beim Spaziergang hat die Luft nach Herbst gerochen.“
„Meine Freundin hat mich zum Lachen gebracht.“
„Ich habe rechtzeitig eine Pause gemacht.“
Ergänze, wenn du magst, warum der Moment wichtig war. An manchen Abenden reicht auch ein einziger Satz. Das ist dein Tagebuch, keine Hausaufgabe.
3. Ein Danke mit Inhalt
Sag einem Menschen ganz konkret, was du schätzt:
„Danke, dass du dir gestern Zeit genommen hast. Ich habe mich wirklich verstanden gefühlt.“
Das geht persönlich, als Nachricht oder als Brief. Und wenn du einen Brief lieber für dich behältst, ist das genauso in Ordnung.
4. Den Körper einmal freundlich ansprechen
Setze dich bequem hin oder lege dich auf den Rücken. Spüre den Boden unter dir. Wenn es angenehm ist, lege eine Hand auf deinen Brustkorb.
Frage dich: Was hat mein Körper heute für mich möglich gemacht?
Vielleicht hat er dich durch einen langen Tag getragen. Vielleicht zeigt er dir gerade sehr deutlich, dass er Ruhe braucht. Du könntest innerlich sagen: „Danke. Ich höre dir zu.“
Wenn sich der Satz ungewohnt anfühlt, bleibe einfach beim Spüren. Auch das genügt.
5. Eine Teepause, die ihren Namen verdient
Lass für den ersten Schluck das Handy liegen. Nimm Duft, Wärme und Geschmack wahr.
Was ist gerade angenehm? Vielleicht die Tasse in deinen Händen. Vielleicht, dass du für einen Augenblick sitzen kannst.
Die To-do-Liste wird in diesen dreißig Sekunden vermutlich nicht weglaufen. Leider. Aber sie kann kurz warten.
6. Ein Glas voller „Wie schön!“-Momente
Stelle ein leeres Glas auf und lege kleine Zettel daneben. Wann immer du etwas bewahren möchtest, schreib es auf: ein lustiger Satz, eine liebe Geste, ein schöner Moment nach deiner Yogapraxis.
Lies am Ende der Woche ein paar Zettel. Vielleicht bemerkst du dann: Zwischen all den Terminen war mehr Schönes, als du beim ersten Rückblick gedacht hast.
Nimm eine kleine Frage mit auf die Matte
Bei deiner nächsten Yogapraxis könntest du zu Beginn fragen: Was ist heute schon da, das mich unterstützt?
Und am Ende: Welchen guten Moment nehme ich mit?
Du musst dafür keine besondere Stimmung herstellen. Du darfst einfach neugierig sein.
Vielleicht ist Glück heute kein großes Feuerwerk. Vielleicht ist es der Augenblick, in dem du nach der Schlussentspannung langsam die Augen öffnest und merkst: Wie schön, dass ich mir diese Zeit geschenkt habe.
Von Herzen
Luneya Yoga





Kommentare