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Yoga beginnt dort, wo die Matte endet - oder anders gesagt: Was Yoga für mich bedeutet...

vor 2 Tagen
6 Min. Lesezeit

Warum Yoga so viel mehr ist als eine Abfolge von Übungen

Die Yogamatte wird ausgerollt. Wir kommen in den herabschauenden Hund, fließen vielleicht durch ein paar Sonnengrüße, atmen tief ein und aus und freuen uns am Ende auf Shavasana.

Und dann?

Matte zusammenrollen, Schuhe anziehen, Handy checken – und zurück ins „richtige Leben“?

Genau hier wird Yoga eigentlich erst richtig spannend.

Denn Yoga ist viel mehr als das, was während einer 60-minütigen Yogastunde zwischen dem ersten bewussten Atemzug und dem abschließenden Namasté geschieht. Yoga kann vielmehr eine Haltung zum Leben sein. Eine Einladung, bewusster hinzusehen, achtsamer mit uns selbst und anderen umzugehen und immer wieder zu fragen:

Wie möchte ich eigentlich leben?

Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum Yoga mich persönlich so sehr fasziniert.


Yoga war nicht immer gleichbedeutend mit Asanas

Wenn wir heute von Yoga sprechen, denken viele zuerst an Körperhaltungen: Krieger, Baum, Kobra, vielleicht Kopfstand.

Historisch betrachtet ist das allerdings nur ein kleiner Ausschnitt einer sehr viel größeren Welt.

Die akademische Yogaforschung weist darauf hin, dass es nie nur eine einzige, einheitliche Form von Yoga gegeben hat. Unterschiedliche philosophische, religiöse und praktische Traditionen haben Yoga über viele Jahrhunderte geprägt. Auch das SOAS Centre of Yoga Studies der University of London beschreibt Yoga als eine vielfältige Tradition, die sich von ihren südasiatischen historischen Wurzeln bis hin zu den heutigen weltweiten und teilweise stark körperorientierten Formen enorm verändert hat.

Einer der bis heute einflussreichsten philosophischen Texte ist das Patañjali zugeschriebene Yoga-Sutra.

Und hier wird es interessant: In Patañjalis achtgliedrigem Yogaweg steht Asana – die Körperhaltung – erst an dritter Stelle.

Davor kommen Yama und Niyama: ethische Prinzipien und persönliche Haltungen. Danach folgen Atemlenkung, der bewusste Umgang mit den Sinnen, Konzentration, Meditation und schließlich Samadhi – ein Zustand tiefer Versenkung.

Mit anderen Worten:

Yoga fragt nicht zuerst:„Wie beweglich bist du?“

Sondern viel eher:„Wie gehst du mit dir selbst, mit anderen Menschen und mit deinem Leben um?“

Das verändert die Perspektive.


Ahimsa: Yoga beginnt damit, wie wir mit uns selbst sprechen

Eines der bekanntesten Prinzipien der Yogaphilosophie ist Ahimsa – häufig übersetzt als Gewaltlosigkeit oder Nicht-Verletzen.

Das klingt zunächst vielleicht groß: keine Gewalt ausüben, keinem Lebewesen Schaden zufügen.

Aber Ahimsa kann viel näher an unserem Alltag sein.

Wie spreche ich mit mir selbst, wenn etwas nicht gelingt?

Bin ich freundlich zu meinem Körper – oder kritisiere ich ihn ständig?

Gönne ich mir eine Pause, wenn ich erschöpft bin, oder zwinge ich mich weiterzumachen?

Und wie begegne ich Menschen, die eine völlig andere Meinung haben als ich?

Schon wird aus einem philosophischen Begriff eine ziemlich konkrete Lebensfrage.

Im Yoga-Sutra stehen solche ethischen Prinzipien ganz am Anfang des Weges. Dazu gehören neben Ahimsa beispielsweise Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen und ein bewusster Umgang mit Besitz und Begehren. Das zeigt, wie stark Yoga ursprünglich auch mit der Frage verbunden ist, wie wir unser Leben gestalten.

Und plötzlich braucht man für Yoga nicht einmal eine Yogamatte.


Mein eigener Weg: Manchmal beginnt Veränderung dort, wo etwas anderes endet

Vielleicht berührt mich diese Seite des Yoga auch deshalb so sehr, weil mein eigener Lebensweg alles andere als geradlinig verlaufen ist.

Viele Jahre war mein berufliches Leben in einer ganz anderen Welt zu Hause: in der Fernsehbranche. Ein Umfeld, das von Terminen, Produktionen, Veränderungen und einem oft hohen Tempo geprägt ist.

Dann endete dieses berufliche Kapitel.

Solche Momente können verunsichern. Denn wenn etwas, das lange selbstverständlich war, plötzlich wegfällt, entsteht erst einmal ein leerer Raum.

Heute sehe ich darin auch etwas anderes: Raum für Veränderung.

Mein Weg führte immer stärker zum Yoga – zunächst als Praxis und schließlich als Berufung und berufliche Neuorientierung. Aus meiner Yogalehrerausbildung, verschiedenen Weiterbildungen und der Arbeit mit ganz unterschiedlichen Menschen entstand Schritt für Schritt das, was heute Luneya Yoga ist.

Und genau darin erkenne ich vieles wieder, was Yogaphilosophie für mich bedeutet.

Nicht krampfhaft an etwas festhalten.

Wahrnehmen, was gerade ist.

Den Mut entwickeln, eine Richtung zu verändern.

Immer wieder neu lernen.

Und darauf vertrauen, dass ein Weg nicht deshalb falsch ist, nur weil man ihn vorher noch nicht kannte.


Aparigraha: Was passiert, wenn wir aufhören festzuhalten?

Ein weiteres yogisches Prinzip heißt Aparigraha und wird häufig mit Nicht-Horten oder Nicht-Anhaften übersetzt. Patañjali zählt es zu den Yamas, den grundlegenden ethischen Haltungen.

Für mich steckt darin eine wunderbare Frage:

Was halte ich eigentlich fest, obwohl es längst nicht mehr zu mir passt?

Das kann Besitz sein.

Aber vielleicht auch eine Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen sollte.

Ein Beruf.

Eine Rolle.

Eine Erwartung.

Ein Plan, den wir vor zehn Jahren einmal gemacht haben.

Loslassen bedeutet dabei nicht, dass uns Dinge egal werden. Es kann vielmehr bedeuten, genügend Vertrauen zu entwickeln, damit etwas Neues entstehen darf.

Auf der Yogamatte üben wir das ständig.

Wir gehen in eine Haltung hinein. Wir bleiben. Wir atmen. Wir beobachten.

Und irgendwann lösen wir die Haltung wieder auf.

Keine Asana ist dafür gedacht, für immer festgehalten zu werden.

Eigentlich ein schönes Bild für das Leben.


Svadhyaya: Sich selbst immer wieder neu kennenlernen

Zu den Niyamas, den persönlichen Prinzipien des Yogaweges, gehört Svadhyaya. Traditionell bezeichnet der Begriff unter anderem das Studium spiritueller Texte und Selbststudium.

Übertragen auf unseren heutigen Alltag steckt darin eine spannende Einladung:

Beobachte dich.

Nicht um dich ständig zu optimieren.

Sondern um dich besser zu verstehen.

Warum reagiere ich in bestimmten Situationen immer gleich?

Was tut mir wirklich gut?

Wann fühle ich mich lebendig?

Was raubt mir Energie?

Wo sage ich Ja, obwohl mein Inneres längst Nein sagt?

Yoga kann einen Raum schaffen, in dem solche Fragen überhaupt wieder hörbar werden.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum neben den Körperübungen Atemarbeit, Meditation und bewusste Ruhe für mich einen so wichtigen Platz haben.

Auch moderne wissenschaftliche Institutionen betrachten Yoga längst nicht nur als körperliche Aktivität. Das amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health ordnet Yoga den kombinierten psychologisch-körperlichen Ansätzen zu und beschreibt Yoga als eine Praxis, in der körperliche Übungen, Atem und meditative Elemente zusammenkommen.

Der Körper ist also ein Zugang.

Aber er muss nicht das Ziel sein.


Die eigentliche Yogastunde beginnt manchmal im Stau

Es ist vergleichsweise leicht, ruhig zu atmen, wenn wir mit geschlossenen Augen auf einer Yogamatte liegen, leise Musik läuft und jemand sagt:

„Lass alles los.“

Die spannende Frage lautet:

Was passiert zehn Minuten später, wenn jemand vor uns im Auto nicht losfährt, obwohl die Ampel längst grün ist?

Willkommen bei der fortgeschrittenen Yogapraxis.

Denn genau dort zeigt sich vielleicht, was wir von der Matte mitnehmen.

Können wir einen Atemzug warten, bevor wir reagieren?

Können wir wahrnehmen, dass unser Körper gerade angespannt ist?

Müssen wir jeden Gedanken glauben?

Müssen wir auf jede Provokation reagieren?

Können wir Grenzen setzen, ohne verletzend zu werden?

Können wir freundlich sein – auch zu uns selbst?

Das ist Yoga im Alltag.

Nicht spektakulär.

Nicht Instagram-tauglich.

Und manchmal wesentlich anspruchsvoller als jeder Kopfstand.


Yoga muss nicht perfekt aussehen

Unsere heutige Vorstellung von Yoga wird stark von Bildern geprägt.

Schöne Menschen. Schöne Kleidung. Schöne Orte. Möglichst spektakuläre Haltungen.

Natürlich darf Yoga ästhetisch sein. Natürlich dürfen wir Freude daran haben, kräftiger, beweglicher oder koordinierter zu werden.

Aber wenn Yoga nur noch danach beurteilt wird, wie eine Haltung aussieht, geht ein großer Teil seiner Tiefe verloren.

Die Forschung zur Geschichte des Yoga macht deutlich, wie stark sich modernes, körperorientiertes Yoga im Laufe der Zeit entwickelt hat. Im klassischen achtgliedrigen System Patañjalis ist Asana lediglich eines von acht Gliedern; ethische Praxis, Atem, Konzentration und Meditation gehören ebenso dazu.

Vielleicht müssen wir deshalb unsere Yogapraxis manchmal nicht erweitern, indem wir eine schwierigere Asana lernen.

Vielleicht erweitern wir sie, indem wir geduldiger werden.

Indem wir Nein sagen.

Indem wir zuhören.

Indem wir uns entschuldigen.

Indem wir eine Pause machen.

Indem wir etwas verändern, das schon lange nicht mehr richtig ist.


Was Yoga für mich heute bedeutet

Durch meine Arbeit mit Luneya Yoga begegne ich ganz unterschiedlichen Menschen: Menschen, die einen kraftvollen Flow suchen, Menschen mit Rückenthemen, Menschen, die Ruhe brauchen, Menschen, die meditieren möchten, Kinder, Seniorinnen und Senioren oder Menschen, die in besonderen Lebenssituationen einen behutsamen Zugang zu Yoga suchen.

Nicht jeder Körper ist gleich.

Nicht jeder Tag ist gleich.

Und nicht jeder Mensch braucht dasselbe Yoga.

Vielleicht besteht die eigentliche Kunst deshalb weniger darin, eine bestimmte Form perfekt zu beherrschen, sondern darin, immer wieder wahrzunehmen:

Was brauche ich gerade wirklich?

Manchmal ist es Bewegung.

Manchmal Kraft.

Manchmal ein langer Atemzug.

Manchmal Stille.

Und manchmal ist Yoga die Entscheidung, das Handy auszuschalten, draußen spazieren zu gehen und heute einmal nichts mehr leisten zu müssen.


Die Matte ist ein Übungsraum für das Leben

Für mich ist die Yogamatte deshalb kein Ort, an dem wir dem Leben entkommen.

Sie ist ein kleiner Übungsraum für genau dieses Leben.

Hier können wir lernen, Grenzen wahrzunehmen.

Zu bleiben, wenn etwas ungewohnt wird.

Loszulassen, wenn Festhalten keinen Sinn mehr ergibt.

Uns zu konzentrieren.

Uns selbst zuzuhören.

Und immer wieder neu anzufangen.

Doch irgendwann rollen wir die Matte zusammen.

Und dann beginnt vielleicht der wichtigste Teil unserer Yogapraxis.

Wie gehen wir miteinander um?

Wie treffen wir Entscheidungen?

Wie begegnen wir Veränderungen?

Wie behandeln wir unseren Körper?

Wie viel Raum geben wir dem, was uns wirklich wichtig ist?

Yoga bedeutet für mich deshalb nicht, irgendwann die perfekte Haltung zu können.

Yoga bedeutet, immer wieder bewusster ins eigene Leben zurückzukehren.

Mit etwas mehr Aufmerksamkeit.

Etwas mehr Mitgefühl.

Etwas mehr Mut zur Veränderung.

Und vielleicht auch mit etwas mehr Leichtigkeit.

Denn am Ende geht es nicht darum, Yoga zu machen.

Vielleicht geht es vielmehr darum, ein kleines bisschen mehr davon zu leben.


Namasté

Carmen



 
 
 

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